Zur neuen Covid-19 Regelung an der deutsch-französischen Grenze seit dem 8.3.2021

Ein grenzüberschreitender Lebensraum zwischen dem Departement Moselle und dem Saarland

In Berlin wohnen Menschen in einem Bezirk, aber arbeiten, studieren, treiben Sport, gehen zum Arzt usw. in einem anderen Bezirk; genauso fahren die Pariser von einem Arrondissement ins andere, um all diese Aktivitäten zu erledigen. In der Île de France fahren sie sogar täglich von einem Departement ins andere!
Das sind Lebensräume wie unsere Grenzregion. Wir leben im Departement Moselle, ein Teil der Familie wohnt im Saarland, wir überqueren die Grenze jeden Tag, ohne es zu merken (zumindest bis zur aktuellen Gesundheitskrise), um zu arbeiten, zur Schule zu gehen, für Freizeitaktivitäten, zum Einkaufen, um einen Therapeuten aufzusuchen usw.


Schon im letzten Frühjahr wurden die Menschen (aller Nationalitäten)aus dem Departement Moselle wie Pestkranke behandelt. Seit dem 8. März 2021 stigmatisiert Berlin erneut die Mosellaner. In Richtung Saar-Moselle gibt es keine Änderung: Personen, die in einem Umkreis von 30 km von der Grenze wohnen und für weniger als 24 Stunden nach Frankreich einreisen, sind von der Pflicht befreit, sich einem PCR-Test von weniger als 72 Stunden unterziehen zu müssen, der für alle anderen Personen gilt. In Richtung Moselle-Sarre ist dagegen ein negativer PCR- oder Antigentest von weniger als 48 Stunden erforderlich. Wären ähnliche Maßnahmen mit zwei unterschiedlichen Geschwindigkeiten auch in Gebieten wie Berlin oder der Ile de France möglich? Nein, natürlich nicht!
Diese diskriminierenden Maßnahmen gegen die Bewohner aus dem Departement Moselle haben schwerwiegende kulturelle, soziale und wirtschaftliche Folgen. Insbesondere ist hier auf den emotionalen Faktor hinzuweisen, der in dieser Region, die während der historischen Konflikte so schlecht behandelt wurde, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.


1) Die Präfektur Moselle weist darauf hin, dass öffentliche und private Verkehrsunternehmen keine Fahrgäste mehr vom Departement Moselle nach Deutschland befördern dürfen. Dazu gehört insbesondere die Einstellung des Zug, Bus- und Straßenbahnverkehrs zwischen dem Departement Moselle und Deutschland mit der Folge, dass Menschen aus dem Moselle-Departement, die üblicherweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit ins Saarland fahren, nicht mehr zur Arbeit kommen, und auch Schüler aus Sarreguemines oder Forbach, die in Saarbrücken die Schule besuchen, nicht mehr zur Schule gehen können.
Hier ist auf eine Besonderheit des deutsch-französischen Gymnasiums in Saarbrücken hinzuweisen, das im Gegensatz zum deutsch-französischen Gymnasium in Buc bei Paris Schüler, die in beiden Ländern leben, in derselben Klasse aufnimmt. Die Abwesenheit der Schüler aus dem Departement Moselle, die aufgrund mangelnder Transportmöglichkeiten nicht kommen können, stellt jedoch eine ernsthafte Bedrohung für die Zukunft dieses Modells dar. (www.dfg-lfa.org)
Die Zukunft der Saarbahn, die Saarbrücken mit Sarreguemines (F) verbindet, wird von der SNCF aus Haushaltsgründen immer wieder in Frage gestellt. Ironie der Berliner Unkenntnis: Die Gemeinde Grosbliederstroff (F), an der Linie Saarbrücken-Saargemünd gelegen, ist mit Kleinblittersdorf (D) durch eine Fußgängerbrücke verbunden, die es ihren Bewohnern erlaubt, die Saar zu überqueren, um mit der Saarbahn nach Saarbrücken zu fahren... also, auch wenn diese nicht auf das Gebiet des Departement Moselle fahren darf, können Menschen von dort sie trotzdem benutzen!
Zug: Um von Straßburg nach Saarbrücken zu fahren (ca. 1h30), muss man jetzt in Sarreguemines aussteigen (1h20) und dann ein Taxi nach Saarbrücken nehmen (zusätzliche Kosten für 20 km) oder einen großen Umweg machen: Von Straßburg über Karlsruhe (3 bis 4 Stunden Fahrt).


2 ) Für die TGV/ICE Verbindung Paris-Frankfurt sind die Züge, die in Forbach halten, von der neuen Regelung betroffen. Die Reisenden können wohl in Forbach aussteigen, aber nicht von Forbach aus nach Deutschland einsteigen. Die Möglichkeit, eine internationale Zugfahrt von Forbach nach Deutschland zu buchen, wird ausgesetzt. Der Reisende, der nach Paris fährt, in eine Region, in der die Krankenhäuser bereits überlastet sind, würde der etwa gesundheitlich weniger gefährlich als der Reisende aus Forbach sein? Es sieht fast so aus, als ob die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Departement Moselle und Deutschland keine Bedeutung hätten...


3) Das Saarland hat sich zum Ziel gesetzt, seine Bevölkerung innerhalb einer Generation zweisprachig deutsch-französisch auszubilden, "Frankreich-Strategie"genannt. Löblich, aber wie ist dann der mangelnde Widerstand des Saarlandes gegen die schockierenden Entscheidungen Berlins zu interpretieren? Französisch ja, aber bitte ohne Französisch?


4) Berlins mangelnde Kenntnis der Region: Die Grenze zwischen dem Saarland und dem Departement Moselle erstreckt sich über hundert Kilometer. Es gibt nicht nur den einen Grenzübergang bei Stiring, wo das deutsch-französische Testzentrum eröffnet wurde. Um also Umwege von Dutzenden von Kilometern für Studenten und Grenzbeamte und eine entwürdigende Wartezeit in Stiring zu vermeiden, musste sich das Departement Moselle damit abfinden, in mehreren seiner Städte kostenlose Testzentren zu eröffnen, obwohl eine "Hochrisiko"-Region alle Tests zur Bekämpfung der Kontamination benötigt! Und hilft Deutschland bei der Finanzierung dieser Tests, wohl wissend, dass im Saarland ein Test 40 € kostet? und dass die Situation die Folge seiner einseitigen Entscheidung ist? Schutz der Gesundheit der Bürger, ja, aber wenn das Departement Moselle eine solche Gefahr für das Saarland darstellt, warum sollen die Saarländer dann ins Departemment Moselle kommen, um sich beim Einkaufen “verseuchen” zu lassen?


Die Vereinigung zur Förderung der Zweisprachigkeit – l’ Association pour la Promotion du Bilinguisme e.V. hatte bereits im Frühjahr 2020 gegenüber den Regierungen in Paris, Berlin und den Landesregierungen des Saarlandes und dem Departement Moselle seine Befürchtung zum Ausdruck gebracht, dass alle Bemühungen des europäischen Aufbaus in dieser Region durch eine einseitige, unlogische, unfaire und empathielose Politik untergraben werden. Zu unserem großen Bedauern müssen wir leider feststellen, dass aus dieser tragischen Episode keine Lehren gezogen wurden und dass der Aufbau Europas in dieser Region weiterhin mit Füßen getreten wird.


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